POLAROID.

Oder von der Notwendigkeit der Dunkelkammer.

Für Ulrike Wörner und Tilman Rau, die immer noch an das Wort glauben, und für Yves Noir, der dem Schreiben Gesichter schenkt.

Was weiß die Rosskastanie von den Kirchgängern? Was die Schließmundschnecke vom Verwelken der letzten Sommerfarben? Ist das Weiß der Wolken nur zu begreifen, weil es das mondlose Nachtdunkel gibt? Ein Schwarz, das tagsüber sein Gegenteil scheint? Was weiß der Moder vom November? Was die Belichtungszeit von den erwartungsvollen oder überraschten Augen, die unverhofft in eine Kamera schauen?

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass der Tisch ein anderer ist, wenn er vor der Haustür in einem Stilleben aus Sperrmüll und entsorgter Erinnerung klemmt? Vielleicht stand er zuvor in einem Wohnzimmer. Vielleicht in einer Abstellkammer. Im Büro. Vielleicht fehlt ihm seit Jahren die gewohnte Schublade, in der sich sammelte, was es zu verbergen galt. Vielleicht hat er nur noch drei Beine oder zwei. Vielleicht ist die Tischplatte ein Tagebuch. Eine Landkarte aus Kratzern und Flecken, die nur noch ahnend zu entziffern ist. Ein verschmutztes Zeitvermächtnis aus Geschichten und Menschen, die einst waren.

Sind Sie schon einmal einem Wort auf der Spur gewesen, wie man auf dem Schachbrett die Gedanken des Partners ins Visier nimmt oder bei anderen Gelegenheiten den Gegner jagt und erbarmungslos verfolgt im Spiel, das plötzlich Ernst wird? Sich jemandem dicht an die Fersen würfelt?

Was erzählt Ihnen eine schlichte Tasse, aus der Sie einen Espresso trinken oder einen Cappuccino, den Sie in Ihrem Lieblingscafé um die Ecke oder unterwegs in einer Autobahnraststätte entspannt genießen? Oder noch weiter weg. In der Galeria in Mailand vielleicht, oder im Café Tortoni in Buenos Aires? Im Tiroler Hof in Wien, am Trocadéro in Paris oder sonst wo, anderswo? In einem Schnell-Imbiss als Notbehelf. Oder im Bahnhof in Leipzig, Stuttgart oder Hausach.

Ist Ihnen schon einmal der beiläufige Gedanke gekommen, dass alles wirklich unwirklich ist oder umgekehrt? Und Sie vielleicht gerade deshalb nicht gerne mit der Bahn verreisen, weil die Gleise Abschied bedeuten mit jeder Ankunft? Oder weil jeder Sitzplatz im Grunde ein Gedächtnisschemel ist? Manchmal unbequem, manchmal bequemer? Sich Biographien dort und unsichtbar begegnen?

Die Fragen ließen sich ergänzen, austauschen, ins Unendliche schicken. Wie dem auch sei. Die Welt ändertmit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl ihre Perspektive.

Ich kennen einen Antiquar, ein Trödelhändler wider besseres Wissen, der seine Preise derart hochgeschraubt hat, dass er fast nichts verkauft in seinem Sammelsurium aus Volkskunst, Tradition und Nichtigkeiten. Der jede noch so kleine Schramme restauriert und in unbeobachteten Augenblicken mit den Wurmlöchern italienisch spricht, das Holz herstreichelt und von den unzähligen Christusköpfen aus Porzellan den Staub nicht abwischt und der sagt: „Wir werden enden, wie diese Gläser. Im fremden Regal“. Nachdenklich und erstaunt zugleich schweigt er sich seit Jahren in seinem unheimlichen Museum davon, als sei das Leben nur so zu greifen und nicht anders.

„Im Grunde reist man am besten, indem man fühlt“, wusste der wohl konsequenteste aller Perspektivenwechsler, Fernando Pessoa, zu formulieren. Es gibt keinen gültigen Satz, dem des Innigkeit des Fühlens nicht wäre und dadurch Gedanke würde. Sowohl im Vertrauten als auch im Distanzierten der Lebensgeschichten sind die Sätze, verschriftet oder einfach nur gesagt, die widersprüchlichsten Strecken, die zurückgelegt sein wollen. Eine Reise zu sich selbst. Die ungeschützten Texte von Schülerinnen und Schülern in dieser Dokumentation zeugen davon, die photographischen Portraits in ihr sind Erzähler in diese Transparenz der noch jungen Erfahrungen und immer ins Eigene entworfen, auch wenn sie andere meinen.

Sie werden mich für verrückt erklären. Aber Sprache ist bisweilen in der Tat all den eingangs gestellten Fragen auf der Spur und noch viel mehr. Sie ist eine abstrakte und im gleichen Atemzug eine bedrohlich konkrete Liebhaberin und alsbald doch nur ihre Vorstellung davon, die sich nach Berührung sehnt, vielleicht gar süchtig ist, berührt zu werden und zu berühren. Und: in jedem Menschen schöpft sich Sprache. Jeder Mensch hat deshalb das Recht und den Anspruch, immer auch Sprache sein zu dürfen. So banal das klingen mag. Es sei deshalb für die hier vorliegenden Arbeiten festgestellt und gesagt: „Ich traue jedem Menschen Sprache zu und Poesie.“

Dies ist Motiv und Ziel in einem. Auch für die Schreibwerkstätten, die den für diese Veröffentlichung ausgewählten Ergebnissen vorangegangen sind.

Mit geöffneten Augen. Mit geschlossenen Augen. Lesen Sie die Texte, schauen sie sich die Portraits an. Ihre Wechselwirkung. Ein sprichwörtlicher Lidschlag genügt, und die Wörter nehmen unbequemer Platz im entstehenden Textgefüge.

„neulich ging die sonne / im westen auf / und weil das nicht sein kann / glaubten wir es nicht“ schreibt Leonie Achtnich, der René Haller einen Schriftzug weiter, als sei es Absicht, die Antwort reicht und sagt: „Ist die momentane Optik Realität?“

Wir brauchen Sprache, um die Optik zu verändern und, Wort für Wort in die Sätze buchstabierend, Realitäten zu entdecken, die wir bisher noch nicht erfahren haben.

Vielleicht um letzten Endes mit Barbara Benz eines immer sagen zu können: „versteh nicht / was vor sich / geht / da draußen“. Damit wäre schon viel gewonnen.

Hausach, im Mai 2005

José F.A. Oliver

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