Wie immer man auch Mode zu thematisieren gedenkt, eines ist nicht von der Hand zu weisen: Wir alle sind durch unsere Geburt (Zeit und Ort) an ein erstes, modisches Selbstverständnis gebunden. Wir alle sind umgeben von Schnitten, Mustern, Farben und Stoffen, die uns prägen. Stoffe sind eine Erweiterung unseres Körpers – aus meterlangen Stoffballen formen sich Strukturen, wir ordnen und schöpfen, verhüllen und geben preis.

Wir sind uns viel zu selten bewusst, dass Stoffe und die daraus resultierende Kleidung nahezu immer natürliche Vorbilder haben. Wir ahmen nach, was wir sehen, wir bedienen und bedienten uns seit je her der Natur. Mode ist daher etwas zutiefst Organisches, Stoffe stellen sprichwörtlich unsere zweite Haut dar, sie bilden die Welt ab. Wenn unsere Regenmäntel bei einem Schauer trocken bleiben, dann ist dies etwa auf den Lotus-Effekt zurückzuführen; das Abperlen von Wasser haben wir uns von den Pflanzen abgeschaut. Und es gäbe unzählige andere Beispiele, die darlegen, wo sich unsere Interpretation von Stofflichkeit aus der Natur speist – ob es sich nun um Haifischhaut, Spinnenseide, Schmetterlingsflügel etc. handelt.

Die „Geburt der Venus“ von Botticelli, das wohl zu den berühmtesten Bildern der Welt zählt, drängt sich bei Yves Noirs Betrachtung von Stoff und Körperlichkeit förmlich auf – das Abschlussbild zeigt schließlich, wie ein Körper seiner natürlichen, stofflichen Hülle entsteigt: Intimität, Geheimnis und Stille. Botticelli läßt seine Venus aus dem Schaum des Meeres auferstehen, in einer Kaskade von rosa Rosen, von zwei verschlungenen Gestalten, die die Winde darstellen, sanft auf die Küste geblasen. In dem Augenblick, da sie der Welt der Menschen näher kommt, schämt Venus sich vor den Augen der Leute, vor unseren Augen, wegen ihrer Schönheit und Nacktheit. Und ihre Begleiterin, die mit Girlanden und rosa Rosen geschmückt ist, erwartet die Göttin mit einem Gewand, das sie ihr umwerfen wird, sobald sie das Ufer betritt. Für mich zeigen hier Yves Noirs Stoffbahnen die organischen Strukturen einer Muschel, seine Bildserie lässt sich auch als Analogie deuten: Schon der Körper an sich ist pure Mode, im besten Sinne des Wortes.

Michael Stavarič

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